In Teil I befasst sich Prof. Dr. Anton Grauvogel, Gastreferent der letztjährigen Mitgliederversammlung des VPH mit dem Verhalten von Pferden als Einzeltier und im Herdenverband. Eine praxisnahe Darstellung für Pferdehalter, die sich um die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Pferde bemühen.

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Wie heute das Auto, so nahm in den vergangenen Jahrhunderten das Fortbewegungsmittel Pferd eine zentrale Stellung im Herzen des Menschen ein, es war sein Stolz, sein wertvollster Besitz und sein wichtigster Freund. Freundschaft fürs Leben schließt der Mensch auch heute noch mit seinem Pferd. Allerdings entsprach die Haltung der Pferde nicht immer einer artgemäßen Unterbringung im Sinne des Tierschutzes, und deshalb gab es körperliche oder auch spezielle zentralnervöse Ausfallserscheinungen.

Körperliche Besonderheiten
Ainslie und Ledbetter (1994) schreiben: Von all den Wundern in bezug auf den Körper der Pferde dürfte der Tastsinn das größte sein und begründen diese Meinung ausführlich. Als besonders verwerflich ist anzusehen, dass es bei manchen Pferdehaltungen in Mode gekommen ist, die Tasthaare um das Maul abzurasieren, die Tier zu klippen. Binder (1994) beschreibt in diesem Zusammenhang die Phänomene der Tränkeverweigerung, die recht ärgerlich für den Tierhalter sein können, und ordnet sie richtigerweise der Supernase zu. Wahrscheinlicht beruht die Tatsache, dass man noch heutzutage bei dem Verkehr zu Lande und in der Luft überhaupt Pferde auf Koppeln halten kann, auf die intraspezifische Beobachtungsgabe dieser Tiere.

Beispiel: Elf Pferde kommen zum ersten Mal auf eine Weide, ein zwölftes war schon im vorigen Jahr dort. Die Ausbruchgefahr bei plötzlichem Erschrecken, z.B. durch LKW-Verkehr, ist sehr gering, weil die elf Pferde in Sekundenschnelle die Reaktion des zwölften Tieres beobachten und die Situation als ungefährlich beurteilen.

Beim Pferd kann man ebenfalls die Information um das Eck sehen schön beobachten. Die Stute Ilse steht in der Stallgasse über Eck in ihrer Laufbucht, von wo sie nicht den Stalleingang beobachten kann. Sie sieht aber die Stute Erna, die den Eingang sieht. Ilse kann sich an Hand der Ausdruckmittel von Erna informieren, was am Eingang geschieht.

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Von der biologischen Konstruktion her ist das Pferd eine Laufmaschine, das Herz und die Lunge sind unerhört leistungsfähig; Gliedmaßenknochen und –muskeln stellen hocheffiziente Hebel dar. Es ist seinesgleichen an Laufleistung kein Nutztier zu finden, erst wieder bei Hundeartigen. Die Außensensoren und die Datenverarbeitung im Kopf sind hoch oben vorn an der Maschine angebracht, folglich wirft das Pferd bei der Flucht und auch sonst als erstes den Kopf hoch. Und dann heißt es ganz richtig: Ab geht die Post – mit Laufgeschwindigkeiten bis zu 60 km/h. Pferde laufen von Natur aus viel und gern im Schritt, größenordnungsmäßig etwa sechs Kilometer am Tag auf der Weide ohne besonderen Anlass. Das tun andere Nutztiere nicht. Daher ist es unter Tierfreunden verpönt, Pferde in Ständern anzubinden, es sei denn, die Tiere sind als Wagenpferde oder Schulpferde täglich unterwegs.

Nicht alleine halten

Dass Pferde überaus widerstandsfähig gegen Hitze und Kälte sind, ist heut doch sehr allgemein von Pferdefreunden und Tierschützern anerkannt. Vielleicht ist aber trotzdem darauf hinzuweisen, dass Pferde einen Sonnenschutz wollen und Insektenflug meiden, auch bei Sturm und Schnee wissen sie einen trockenen Unterstand zu schätzen. Man sollte es daher nicht gutheißen, wenn manche Pferdebesitzer ihren Stolz darin setzen, dass sie „knallharte“ Pferde haben, die man auf der kahlen und freien Ebene womöglich ganzjährig halten kann.

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Das Pferd wird von allen klinischen und laborbedingten Stresszustände befallen, wenn es, in engen Boxen oder gar in Ständen eingesperrt oder angebunden, keine, seinem Hochleistungssensorium angepasste Reizanflutung erhält. Das Wichtigste für das Pferd ist Unterhaltung mit anderen Pferden. Diese Tierart lebt von jeher in dichten Herden, entsprechend seinem genetischen Programm für Schutz vor Raubtieren und extremen Wettersituationen. Ein Pferd wird sich als Single nie richtig wohl fühlen. Die Frage, was ist zu tun, wenn jemand nur ein Pferd besitzt. In solchen Lagen ist in jedem Fall ein kleiner Wiederkäuer sinnvoll, etwa Schaf oder Ziege, aber das sind Notlösungen und keine Dauerzustände. Schade, dass die Rechtsspruchpraxis das permanente Halten eines Pferdes ohne etwas „Warmes“, also einen Artgenossen nicht unter Strafe stellt.

Tierherden haben in der Regel Rangordnungen, die zu erheblichen Störungen führen können, wenn sie instabil sind. Bei Pferden ist es ähnlich wie bei vielen großen Säugern: Der Hengst herrscht über den Wallach und der Wallach über die Stuten. Folglich ist es gut, wenn man z.B. nur einen Wallach und mehrere Stuten in einer Herde zusammenhält, oder von Anfang an nur Wallache oder nur Stuten. Das Problem, wie weit Pferde untereinander und vor allem gegenüber neu dazugekommenen verträglich sind, stellt sich besonders für die Pensionspferdehaltung. Unter Pferden gibt es, wie unter Menschen, Freundschaften und Feindschaften. Zu dem Zweck beobachtet man das Verhalten der Probanden zunächst auf zwei Nachbarkoppeln. Natürlich sind die Hintereisen überaus gefährliche Waffen. Wenn man betont tierschützerisch denkt und Schadensersatzansprüchen aus dem Wege gehen will, nimmt man die Eisen ab.

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